Art Must Be Beautiful - Positionen der Performancekunst —Weltkunstzimmer

Performances sind heute fester Bestandteil des Ausstellungsgeschehens. Meist sind sie jedoch nur punktuell zu sehen und verschwinden als Randprogramm häufig nach der Eröffnung. Elisabeth Heil, Performancekünstlerin und Dozentin am Institut für Medien- und Kulturwissenschaften an der HHU Düsseldorf, und der freie Kurator Wilko Austermann haben sich zusammen mit einer Gruppe Studierender der MeKu vorgenommen, performativer Kunst eine höhere Präsenz zu verleihen. Aus diesem Gedanken heraus ist Art Must Be Beautiful. Positionen der Performancekunst entstanden. Eine erstaunliche Ausstellung im Weltkunstzimmer mit wissenschaftlichem Ursprung – Art Must Be Beautiful  ist aus einem gleichnamigen Seminar über Performancekunst von Elisabeth Heil hervorgegangen, dessen Titel auf Marina Abramovichs Performance Art must be beautiful…Artist must be beautiful referierte – die ausschließlich Performances zeigt. Teils werden diese als Videodokumentation präsentiert, in den meisten Fällen sind sie in einer sorgsam komponierten Choreografie live zu sehen.

Wie in einem Uhrwerk, in dem verschiedene Phasen ineinander gehen, sich anstoßen oder terminieren, sind die Besucher*innen eingeladen, drei Stunden lang Aktionen der sogenannten „zeitbasierten Kunst“ beizuwohnen, ein Begriff, mit dem sich die präzise getaktete Binnenstruktur von Art Must Be Beautiful exakt aufgreifen lässt. Während manche Performances, wie „Human Principle“ von Cristiana Cott Negoescu und Salmo Albatal oder das „Fitnessatelier“ von Sebástian Mejía & Erótico-Inestable über den gesamten Zeitraum zu sehen sind, setzen andere performative Handlungen erst später ein und sind nur momenthaft zu sehen. Dies ist etwa bei Dieter Kiesslings „Mauerperformance“ oder Evamaria Schallers Performance „sitings, or blow as you are“ der Fall. Das Ausstellungserlebnis besteht damit aus einem räumlichen Mäandern zwischen solchen Performances und Videodokumentationen, die an verschiedenen Orten durchgängig laufen und anderen Aktionen, die erst später einsetzen.

So kann man stundenlang Despina Charitonidi und ihr Performer*innen-Team im rechten Flügel des Weltkunstzimmers dabei zuschauen, wie sie in mühsamer Arbeit wacklige Türme aus schweren bröckligen Tonziegelsteinen unter ihren Füßen errichten. Eine Arbeit, die umso schmerzlicher anzuschauen ist, wie man begreift, dass die Performer*innen niemals aufgeben, obwohl die Türme von Beginn an zum Einsturz prädestiniert sind. Im linken Flügel der Räumlichkeiten erweist sich unterdessen das  „Fitnessatelier“ von Sebástian Mejía & Erótico-Inestable, das in einem zentralen Durchgangsraum platziert ist, als eine Art lebendes Bild. Perfekt fügt sich der Performer im weißen Slip und schmaler Sonnenbrille wie eine Reminiszens aus dem Studio 54 in die weiß leuchtende Installation aus Fitnessgeräten ein, die er abwechselnd bedient. „Human Principle“ von Cristiana Cott Negoescu und Salmo Albatal, eine performative Realisierung einer rumänischen Parabel über zwei Figuren, die sich mit langen Metalllöfeln um das Wasser in einem Bottich streiten anstatt sich gegenseitig gewähren zu lassen, und die hier genial nachgespielt wird von den an Gurten und Schnüren unbeweglich in der Luft hängenden Performer*innen Cristiana und Salmo, erreicht man wiederum nur durch ein Labyrinth aus verborgenen Räumen.

Durch diese kluge Taktung und Platzierung der Performances umschiffen die Kurator*innen geschickt Überlagerungen, durch die ein Parcours performativer Kunst leicht zu einem Kuriositätenkabinett verkommen könnte. Zudem sind gerade die durchlaufenden Performances so angelegt, dass die jeweiligen Handlungen zeitlich gedehnt sind oder sich wiederholen (ein Element, was ebenso auf die Videoarbeiten zutrifft), was das Hin- und Hergehen zwischen verschiedenen Stationen ermöglicht.  Eine nahezu verwirrende Langsamkeit ist damit auch das zentrale Stilmittel einer der intimsten Performances – gleichermaßen versteckt platziert in einem Separee des ehemaligen Bikerclubs – „at the entrance lies the fictive female figure“ von JaJess. Die Köpfe unter einer blonden Perücke versteckt und verbunden durch zusammengenähte Kleider in Maid-Optik, winden sich die Künstlerin und eine weitere Performerin, in nie ablassender Umarmung zu einem unkenntlichen Ganzen verschmolzen, wie in einem nie endenden erotischen Vorspiel durch den Raum. Während die Bewegungen und das Versteckspiel Enthüllungen vermuten lassen, bemerkt man auch nach mehrfacher Rückkehr, dass das Geschehen in JaJess‘ Performance erstaunlich konstant bleibt.

Die aktive Arbeit mit der vorhandenen Architektur in der Einplanung der Performances prägt Art Must Be Beautiful daher auf besondere Weise. Denn die Kurator*innen untersuchen auch, wie man unter spezifischen räumlichen Begebenheiten mehrere Live-Performances und Videos in einer konzeptuell stimmigen Weise arrangieren kann, die aktiv auf die architektonischen Verhältnisse reagiert. Das Weltkunstzimmer befindet sich in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Backfabrik in einem Hinterhof, die selbst mehrmals umfunktioniert wurden (als Biker-Club, Werkstatt, etc.) und, im teils ursprünglichen Zustand, noch Spuren der verschiedenen Nutzungsphasen aufweisen. So bietet ein Teil der Räumlichkeiten ein Labyrinth aus Etagen, Nischen, Treppen, versteckten Orten, voll mit architektonischen Brüchen, das zur performativen und medialen Bespielung geradezu einlädt. In einem reziproken Verhältnis sind die performativen Positionen somit ihren Dimensionen (zeitlich/räumlich) nach entweder an die Räume angepasst, oder die Aktionen reagieren in ihrem Konzept auf die Umgebung.

Durch diese kunstvolle örtlich/zeitliche Verschachtelung entsteht so ein ästhetisches Erlebnis des erkundenden Entdecken, das sich über die Zeit verteilt und von Ort zu Ort immer mehr entfaltet. In einem ehemaligen Waschraum sieht man zeitweise die Performerin Bettina Nampé im Tanz mit rotierenden Lichtmaschinen von Johanna Reich, umfunktionierte Staubsaugerrobotter, die politische Slogans an die gekachelten Wände werfen und die Zuschauer*innen so immer wieder mit den Aussagen konfrontieren. Zeitlich versetzt baut in einer größeren Halle daneben Dieter Kiessling aus weißen Steinen eine Leinwand auf, auf die synchron eine Videodokumentation einer identischen Aktion des Künstler gestrahlt wird. Ein wenig später im selben Raum beginnt Evamaria Schaller mit einer Performance, die sich räumlich an einem an der Decke verlaufenden Rohr orientiert. Minimale aber dennoch irritierende Handlungen mit einfachen Gegenständen wie Papier, hängenden Steinen oder einem Wasserglas, welche die Grenze zwischen Zuschauenden und der Performerin erodieren, entfernen das Publikum aus der reinen Zuschauerrolle. Um 21:00 endet der Parcours von Art Must Be Beautiful im Bikerclub, wo Luca Bosani als „private investigator“, der den Mysterien des Lebens nachspürt, mithilfe kunstvoll bemalter Kleidungsstücke und einem Disco-Setting das Publikum in eine kollektive Performance verwickelt, in der Realität und Fiktion verschwimmen und die Bühne zur Aftershow-Party wird.

Komplettiert wird Art Must Be Beautiful durch die Artistic Research Ausstellung, welche im obersten Raum des Weltkunstzimmers an die Performances anschließt und von Studierenden eines Seminares der Medien- und Kulturwissenschaften von Elisabeth Heil organisiert wurde. Wer meint, schon alles über performative Kunst gesehen zu haben, wird überrascht werden. Denn hier trifft man auf Dokumentationen von durchaus komplexen und aufreibenden Performances, welche die Studierenden selbst durchgeführt haben und die sich in ihrem Konzept an Aktionen bekannter Performancekünstler*innen wie Valie EXPORT („Körperkonfigurationen“, Lilian Gau), Vito Acconci („30 Days of bodily Experiments“, Phung Thi Lien Halm) oder Yoko Ono („Me in Pieces“, Vanessa Kraft) orientieren. Durch diese selbstreflexive Ebene wird Performancekunst in Art Must Be Beautiful nicht einfach nur gezeigt, gleichzeitig werden durch die Beiträge der Studierenden sowohl die Bedingungen ihrer Präsentation als auch der Begriff der Performance von einem übergeordneten Standpunkt aus untersucht. Auch das Potential von Youtube und Socialmedia als neue Plattform für performative Kunst wird hinterfragt.

Art Must Be Beautiful. Positionen der Performancekunst ist daher nicht nur irgendeine Performance-Ausstellung; sie ist ein atemberaubendes Pionierprojekt, das auf dem Gebiet der Performance viele neuartige Aspekte miteinander vereint. Sei es durch die Berücksichtigung der Architektur, den Aufbau einer internen Choreografie von Ereignissen oder auch den Einbezug einer reflektierenden Meta-Ebene: auf dem Gebiet der Performancekunst erobert Art Must Be Beautiful Neuland, was den Kurator*innen Elisabeth Heil und Wilko Austermann hoch angerechnet werden sollte. Trotz aller dieser ineinander verschränkten Aspekte gelingt es der Ausstellung zum Schluss, wieder an die grundlegende Essenz der performativen Kunst zu gelangen. Es ist das Bild von Performances als Raum-Mensch-Zeit-Kompositionen, die in ihrem eigenen Kosmos auch immer unser Sein auf universelle Weise reflektieren.

https://art-must-be-beautiful.de/

https://art-must-be-beautiful.de/artistic-research/koerperkonfigurationen/

 

Despina Charitonidi, Sijmen Says, Performance 2018. Art Must Be Beautiful. Positionen der Performancekunst, Weltkunstzimmer 2023  |  Foto: Martin Plüddemann

Ja Jess, at the entrance lies the fictive female figure, Performance und Video 2023. Art Must Be Beautiful. Positionen der Performancekunst, Weltkunstzimmer 2023  |  Foto: Marina Sammeck

Markus Walenzyk, Überdehntes Porträt, Video 2019-21. Art Must Be Beautiful. Positionen der Performancekunst, Weltkunstzimmer 2023  |  Foto: Marina Sammeck

Cristiana Cott und Salmo Albatal, Human Priciple, Performance 2023. Art Must Be Beautiful. Positionen der Performancekunst, Weltkunstzimmer 2023  |  Foto: Martin Plüddemann

Johanna Reich und Bettina Nampé, I felt data on my skin 2023. Art Must Be Beautiful. Positionen der Performancekunst, Weltkunstzimmer 2023  |  Foto: Martin Plüddemann

Artistic Research. Lilian Gau, Körperkonfigurationen nach Valie EXPORT. Institut für Medien- und Kulturwissenschaften HHU. Art Must Be Beautiful. Positionen der Performancekunst, Weltkunstzimmer 2023.  |  Foto: Marina Sammeck

Ralf Berger, Art Must Be Beautiful, Performance 2023. Art Must Be Beautiful. Positionen der Performancekunst, Weltkunszimmer 2023.  |  Foto: Marina Sammeck