A LONG TIME SHORT—KAI 10 I ARTHENA FOUNDATION

Zeit, seit jeher messen wir sie und doch lässt sie sich nicht fassen. Mal rennt sie davon, mal hat man zu viel davon. Oft rauscht sie vorbei, während sie sich manchmal quälend lang in die Länge zieht. In ganz besonderen Momenten steht sie scheinbar still. als Phänomen hat die Zeit mit einem grundsätzlichem Paradox zu kämpfen. Einerseits geben natürliche Prozesse und physikalische Gesetze Abläufe und Endlichkeiten vor, wie das Kreisen der Erde um die Sonne oder die Lebensdauer von Organismen. Andererseits unterliegt die Wahrnehmung von Zeit vollständig der menschlichen Subjektivität. Hinzu kommen technologische Entwicklungen, die mehrere Ebenen von Zeit entstehen lassen und das Zeitliche auf digitale Räume erweitern. Obwohl die technischen Möglichkeiten, Zeit zu erfassen und zu planen, immer effizienter werden, wächst unsere Kompetenz nicht. Es ist daher äußerst erhellend, dass sich mit ,,A Long Time Short“ in der KAI 10 ARTHENA FOUNDATION in Düsseldorf eine Ausstellung in einer vielfältigen Bandbreite internationaler Positionen dem Phänomen der Zeit widmet und in seinen verschiedenen Dimensionen erforscht. ,,A Long Time Short“ legt die Vielschichtigkeit der Ebenen und Schauplätze frei, an denen sich ,,Zeit“ als Erscheinung abspielt und befreit den/die Betrachter*in so aus dem Impasse aus subjektiver Wahrnehmung und physikalischen Gegebenheiten, Messbarem und nicht Messbarem, über den sich die Künstler*innen längst hinweggesetzt haben.

In der Begegnung der Werke zeigt sich, dass die Künstler*innen den Niederschlag des Phänomens der Zeit auf unterschiedlichen Ebenen erforschen, die sich grob in vier Herangehensweisen unterscheiden. Bei Lukas Marxt, Hicham Berrada und Su Yu Hsin etwas steht die Betrachtung ökologischer Prozesse im Zentrum, die vom Eingriff des Menschen in die Natur und größeren geologischen Erdprozessen und Wetterphänomenen bis schließlich hin zu biochemischen Prozessen reichen. David Horvitz und David Claerbout widmen sich in analogen und digitalen Herangehensweisen ganz dem Moment, den sie versuchen für den/die Betracher*in einzufangen. Und während Agustina Woodgate in ihren systemkritischen Werken die enge Verzahnung aus Zeit und Kapitalismus betrachtet, entwerfen Bahar Noorizadeh und Trisha Baga in ihren essayistischen Videoarbeiten in einer flirrenden Verfächerung mehrerer Inhaltsebenen alternative Zeit-Szenarien und Utopien, in denen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft kollidieren.

Lukas Marxt filmische Arbeit ,,Imperial Valley (cultivated run-off)“ (2018) nimmt den Betrachter mit auf einen Drohnenflug über Plantagen und Gewächshäuser der kalifornischen Sorona Wüste. Die sich endlos aneinanderreihenden, monotonen Anbaustrukturen und die durch den menschlichen Eingriff trist und karg erscheinende Landschaft ohne Horizont verwirren den Orientierungssinn und die Einordnung der surreal anmutenden Bilder. Mit den massive Umweltschäden aufdeckenden Aufnahmen zeigt Marxt nicht nur eine bereits in der Gegenwart existierende dystopische Parallelwelt. Der Kameraflug über ein scheinbar aus der Zeit gefallenes, menschlich manipuliertes Gebiet illustriert auch, wie eng Zeit- und Raumgefühl in unserer Wahrnehmung zusammenhängen. ,,Imperial Valley“ ist gleichzeitig eine Warnung, wie der Eingriff des Menschen in die Natur die angelegten natürlichen Rhythmen und Prozesse der nachhaltig aus dem Takt bringt.

Su Yu Hsin greift diese Verschränkung von Zeit und Raum auf, indem sie dem Phänomen der sogenannten ,,vertikalen Zeit“ nachforscht, den Spuren, welche die Zeit in der Natur auf Ebene geologischer oder organischer Prozesse hinterlässt. Aus Naturaufnahmen von verschiedenen Erdteilen, Satellitenbildern sowie angeeigneten dokumentarischen wissenschaftlichen Material stellt die Künstlerin in der zweikanaligen Videoarbeit ,,Hibernatemode“ (2019) ein vielschichtiges Porträt der Erd- und Ökosystemprozesse zusammen, das sich selbst dort wo Stillstand zu herrschen scheint, ständig wandelt und einer unbremsbaren, eigenen Zeit nachgeht. Eine auf einem Fernseher zu sehende, in einem ewigen Zeitraffer gefilmte starre Ansicht der sich auf einer Eislandschaft reflektierenden Tageszeiten macht diesen Zustand der in schwer greifbare Weiten gezogenen Andersartigkeit der Erd-Zeit erfahrbar. In der Fülle der im Video-Essay zitierten Untersuchungen von kleinste klimatische Änderungen verzeichnenden arktischen Mooses, den Flug über topografische Karten oder das Streifen der Kamera durch Wälder sowie schematische Diagramme von Erdbeben, wird es dem/der Betrachter*in deutlich, dass trotzt aller vorhandenen Messverfahren aus allen Winkeln des Planeten der Mensch bisher nicht in der Lage ist, die Logik dieser Erdzeit ganzheitlich zu erfassen. Diese scheint, wie es das Video unterspielende poetische Gedankenäußerungen verlautbaren, einen ganz anderen Takt als unser menschliches Zeitempfinden zu haben.

Hicham Berradas wandhohe Projektion eines 2019 entstandenen Videos aus der seit 2007 fortlaufenden Projektserie ,,Présages (Omen)“ ist mit ihren entschleunigten Bildern in einem beleuchteten Aquarium schwebender und sich zu organischen Strukturen aufbauender Partikel eine beruhigende Erfahrung gegenüber den Zeitmanifestationen in unfassbaren erdprozessualen Dimensionen erforschenden Arbeiten von Lukas Marxt und Su Yu Hsin. Das von der Kamera in Nahaufnahme beobachte heranwachsen von wie Salz in das Becken eingestreuter chemischer und organischer farbiger Partikel, die sich am Boden sammeln und dann zu einer Art Korallenlandschaft aufbauen mit schwebenden Fäden und Sedimenten, schafft eine durch Observation klar nachverfolgbare Zeit eines geschlossenen Mikrokosmos. Für einen Augenblick vermittelt die Arbeit in ihrem bunten und rätselhaften Universum den Eindruck der Kontrolle über zeitliche Prozesse, welcher die eigene Wahrnehmung seltsam befriedet.

In einer gewissen Weise ebenso meditativ und gegenwartsbezogen wie bei Berrada angelegt beschäftigen sich die installative Schriftarbeit von David Horvitz und die auf zwei schräg gegenüber positionierten Projektionsflächen gezeigte Videoarbeit von David Claerbout beide mit einem zeitlichen Wahrnehmungs-Phänomen, das ausserhalb der physikalischen oder messbaren Zeit zu liegen scheint: dem Moment. Horvitz hat in einem Flur zwischen den Ausstellungsräumen an gegenüberliegenden Wänden zwei leuchtende Schriftzüge angebracht, der erste lautet ,,all the time that came before this moment“ und der folgende ,,all the time that will come after this moment“. Es ist der Moment zwischen dem ,,Davor“ und dem ,,Danach“, den der Künstler mit seinen Worten klar benennt, den die Arbeit aber dennoch nur auf Ebene der Sprache gelingt festzuhalten. Horvitz bezeichnet  lediglich eine blinde Lücke in der Zeit, die für den/die Betrachter*in irritierend leer bleibt und vergangen erscheint, bevor man sich auf sie eingelassen hat. Die Neonschriftzüge rufen einem so ins Gedächtnis, wie sehr die Wahrnehmung von Zeit abhängig ist von der Bezeichnung durch Sprache, ohne die zeitliche Orientierung gar nicht möglich wäre.

Auch David Claerbout geht es in seiner großformatig ausgestrahlten, zweikanaligen Videoarbeit ,,the “confetti“ piece“ (2015-2018) um die Erfahrung des Momentes, dem er mit beindruckenden digitaltechnischen Mitteln eine stillstehende, endlose Länge und Magie verleiht. Getränkt in von der Decke fallendes Konfetti in den U.S. Nationalfarben, wird der Betrachter mit hinein gezogen in das Event eines Wahlsieges in einer sakral anmutenden Halle, wobei die Kamerasicht in einem Kaleidoskop einzelner dreidimensionaler Bilder durch die Szene hindurch zu tauchen scheint. Immer wieder hält der Bildausschnitt bei einzelnen Personen inne, deren im Augenblick eingefrorene Mimik und Haltung in den Fokus genommen wird. Manche der festlich gekleideten Personen scheinen vergnügt, einige aber auch nachdenklich oder in sich versunken, was der Fröhlichkeit dieses in beständiges Konfettirieseln getauchten Szene eine irritierende Inkongruenz verleiht. Claerbout kreiert durch digitale 3D Technik einen Zeitausschnitt, der in seinem Andauern unmöglich ist, auch wenn es ihm bildlich gelingt, einen Moment  anzuhalten. In der Erhabenheit der intensiven Bilder gibt der Künstler präzise wieder, wie wir bedeutende Augenblicke wahrnehmen und abspeichern: endlos durchschreitbar auf einzelne Empfindungen konzentriert, die trotzt ihrer Flüchtigkeit einen sicheren Platz im Bewusstsein gefunden haben.

Zurück aus dem Bereich subtiler Zeitwahrnehmung nimmt Agustina Woodgate mit ihren beiden skulpturalen und installativen Arbeiten den/die Betrachter*in auf die Ebene der Materialisierung von Zeit und deren dirigierender Kraft mit. In auf Steelen montierten, horizontal gelegten fragilen Stundengläser, ,,Doctor (Time Capsule)“ und ,,Cleaner (Time Capsule)“* (2020) (*Titel abgekürzt) befindet sich anstatt Sand der Tintenstaub von Euro-Scheinen. Die Inhalte der Gläser geben jeweils den Wert des Tagelohns eines Arztes und den einer Reinigungskraft wieder. Zeitlich still stehend thematisieren die Skulpturen die enge Verflechtung von Zeit und Arbeitswert, deren systematischer Zusammenschluss einer uns übergeordneten Logik nach ständig abrieselt. In der angehalten Form erinnern die Stundengläser daran, dass es aber nicht die Zeit ist, die den Wert von Arbeit bestimmt, sondern wir. Diese Gleichschaltung von kapitalistischer Zeitkontrolle und Arbeit thematisiert auch die Installation ,,Workout (National Times)“ (2020), bestehend aus acht an einer Wand montierten runden Uhren mit Zifferblättern, die einer Zeitkontrollschaltung einer digitalen Hauptuhr unterliegen, die wie ein anonymer Roboter nur als Kasten mit Blinklichtern in Erscheinung tritt. Wie die Arbeitskraft des Menschen der im kapitalistischen System sanktionierten Zeit unterliegt, sind die klassischerweise in Büros oder Betreiben aufgehängten Uhren dem Diktat der Hauptuhr unterworfen. Doch auch hier gibt es von der Künstlerin eingebaute Störeffekte, mit der Zeit fallen die analogen Uhren aus dem Takt und unter die Minutenzeiger geklebtes Schleifpapier lässt die Markierungen der Zifferblätter stetig verschwinden.

Die immersive, grelle alternative Welten entwerfenden Video-Essays von Bahar Noorizadeh und Trisha Baga wiederum zeichnen eine eigene, auf den virtuellen Raum erweiterte Idee von Zeit jenseits von Realität und Gegenwart. In einer Überschneidung von realen Umgebungsaufnahmen, angeeigneten digital farbig verzerrten historischem Bildmaterial und programmierten Gebäude- und Stadtansichten wie aus einem Videospiel, unterbrochen von eingeblendeten Schriftpassagen und Lichtflimmern, exploriert Noorizadeh in ,,After Scarcity“ (2018) die These, dass die digitale Vernetzung bereits in der Sowjetunion in den 1960ern entworfen wurde und somit keine typisch ,,westliche“ Errungenschaft sei. Das Szenario, in das die Künstlerin den/die Betrachter*in durch eine abgedrehte Folge von Bildern mitnimmt, ist eine schräge und laute, visuell und kognitiv kaum zu bewältigende Utopie, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einen hybriden, virtuellen Raum zusammenstürzen. Trotzt aller Sonderbarkeit zeigt die Künstlerin mit ihrem Weltentwurf in ,,After Scarcity“, dass das Modell der Geschichtsschreibung als Chronologie von Zeitereignissen ausdehnbar und vor dem Hintergrund der Erschließung virtueller Raum- und Zeitlichkeit weniger stabil den je ist.

Auch Trisha Baga erschafft ein alternatives, sich aus verschiedenen Realitäts-Ebenen speisendes Gebiet ausserhalb der linearen und gegenwartsorientierten Zeit, indem sie im Video-Essay ,,Voice“ (2017) anhand einer konfusen Überlagerung von angeeigneten Film- und Fernsehmaterial, gefilmten Personen-, Innen und Außenraumansichten sowie privater Videoaufnahmen verschiedene Erzählebenen miteinander verbindet. Irgendwo in der schrillen und unruhigen, wie beim Browsen von Bild zu Bild springenden und ständig von animierten Objekten und einspringenden Schriftzügen unterbrochenen Arbeit geht es um das Phänomen der Mitose-Zellteilung, bei der identische Tochterzellen entstehen. VR-Brillentechnik und der Einstieg in eine virtuelle Welt durch das Verbarrikadieren vorm Computer scheinen aber neben der Verfolgung des Urlaubsalltags einer asiatischen Familie eine ebenso große Rolle zu spielen. Parallel läuft mit einer aus einer Sendung hinzugeschnittenen Stimme eine Art Wahrnehmungstest ab, zu dem Artikel aus der New York Times mit Bildern von Trump eingeblendet werden. Dazu trifft man auf eine Erzähler*in, die in einem Wechsel von der menschlichen in die virtuelle Welt  unsichtbar geworden ist. Ähnlich wie Noorizadeh stellt Baga in ihrem verzerrten Videowerk heraus, dass vor dem Hintergrund des längst in unseren Alltag vorgestoßener digitaler Technik Zeit zu einer Option wird, die man wie eine Anwendung steuern kann, um sich seine eigene Welt zu schaffen.

,,A Long Time Short“ kommt weder mit einem völlig neuen noch eindeutigen Zeitbegriff auf. Auch entlarven die Werke die Zeit nicht als entweder komplett menschliche Erfindung einerseits oder als durch physikalische und erdprozessuale determiniertes Phänomen andererseits. Was die Stärke der Ausstellung ausmacht, ist die Illustration der Vielfalt der Ebenen, in denen sich Zeit manifestiert. Wie ,,A Long Time Short“ dieses in der Wissenschaft unzählige Disziplinen umfassendes Vorhaben der Erfassung von ,,Zeit“ so sensibel wie ansprechend auf der Ebene junger zeitgenössischer Kunst gelingt, bleibt beeindruckend vom Besuch zurück. Durch einen breites Spektrum von Kanälen und Zugängen machen die Positionen dieses so schwer greifbare und noch viel weniger beherrschbare Phänomens der Zeit für den/die Betrachter*in für einen Augenblick erfahrbar und verhelfen so dazu, wieder ein wenig selbst mit sich in den Takt zu kommen.

Lukas Marxt Imperial Valley (cultivated run-off), 2018 Videoprojektion  |  Film still, Courtesy der Künstler

Su Yu Hsin Hibernatemode, 2019 Zweikanalvideoinstallation  |  Installationsansicht KAI 10, Courtesy die Künstlerin und ChertLüdde, Berlin, Photo: Achim Kukulies, Düsseldorf

Hicham Berrada Présage 09/05/2019 10h15, 2019 Videoprojektion einer Performance mit Becherglas, Chemikalien, Kamera und Echtzeitübertragung  |  Installationsansicht KAI 10, Courtesy der Künstler, kamel mennour, Paris/London und Wentrup, Berlin, Photo: Achim Kukulies, Düsseldorf / VG Bild- Kunst, Bonn 2020

David Horvitz all the time that came before this moment, 2019 Neonschrift  |  Installationsansicht KAI 10, Courtesy der Künstler und ChertLüdde, Berlin, Photo: Achim Kukulies, Düsseldorf

David Claerbout the “confetti” piece, 2015-2018 Zweikanalvideoprojektion, 3D-Animation  |  Installationsansicht KAI 10, Courtesy der Künstler und Sean Kelly, New York; Esther Schipper, Berlin; Rüdiger Schöttle, Munich; Pedro Cera, Lisbon; Annet Gelink, Amsterdam, Photo: Achim Kukulies, Düsseldorf / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Bahar Noorizadeh After Scarcity, 2018 Videoprojektion  |  Film still, Courtesy die Künstlerin